Eine Million Elektroautos bis 2020
Eine Million Elektroautos will die Bundesregierung bis 2020 auf unsere Straßen bringen.
Selbst, wenn man in Berlin oder Hamburg wohnt, reicht ein Blick aus dem Fenster, um sich davon zu überzeugen, dass der fromme Wunsch nach Science-Fiction der Vater dieses Gedankens ist.
Nachdem man sich auf der IAA im September einen ersten Eindruck machen konnte, wie denn diese neuen Wunderfahrzeuge aussehen, die uns unbeschwerte, lärm- und abgasfreie Mobilität bescheren sollen, fand vom 18. bis zum 20. Oktober 2011 in München bereits zum dritten mal die eCarTec statt, die grösste, ganz auf das Thema E-Mobility bezogene Ausstellung in Europa.
Trotz aller berechtigter Skepsis müssen wir anerkennen, dass die Elektrofahrzeuge von heute bereits mehr mit dem Begriff « Auto » gemein haben als mit den skurrilen Vehikeln, die gut betuchte Manager auf dem Golfplatz von einem Loch zum anderen bugsieren. Zumindest optisch erkennt man von aussen bei manchem Hersteller nicht, ob der Wagen nun mit Benzin oder mit Strom angetrieben wird. Spätestens jedoch beim Einsteigen fällt einem auf, dass das Innenleben bei manchem Hersteller doch noch ein bisschen billig wirkt. An den Gedanken, einen Renault Fluence ZE zu fahren, könnte man sich allerdings sehr schnell gewöhnen, wenn da nicht noch das Problem der Reichweite wäre.
Trotz aller Euphorie auf einen umweltfreundlichen Ausweg aus unserer Erdöl-Abhängigkeit darf man nicht ignorieren, dass die Reichweite eines Elektroautos lediglich 150 Kilometer beträgt ; im Winter dürften es deren bei eingeschalteten Scheinwerfern, Heizung und Scheibenwischern vermutlich nicht mehr als 80 werden.
Wir trafen Fréderic-Michael Foeteler von der luxemburgischen Firma Estonteco, die sich diesen Problems angenommen hat.
Herr Foeteler, wie wollen Sie und Ihre Kollegen das Problem der mangelhaften Reichweite von Elektrofahrzeugen in den Griff kriegen, damit die künftigen Käufer keine Angst haben müssen, ständig trocken zu fahren ?
Frédéric-Michael Foeteler : Das Problem der begrenzten Reichweite wird die Autoindustrie nicht von heute auf morgen gelöst bekommen, wenngleich ich überzeugt bin, dass sich die Autonomie der Batterien in den nächsten Jahren merklich verbessern wird. Mein erstes Mobiltelefon vor 15 Jahren war ein formschönes Nokia 8110i, jedoch musste ich zum Aufladen alle zwei Stunden ans Netz. Das war damals ganz normal und man war beim Arbeiten daran gewöhnt, sein Ladegerät stets dabei zu haben. Mit meinem iPhone bin ich heute zwei Tage lang erreichbar, bevor ich langsam wieder nach einer Steckdose suchen muss oder es einfach an den USB-Port meines PCs anschließe.
Steigende Nachfrage und Wettbewerb führen über kurz oder lang immer zu besseren Produkten, was auch bei den Batterien von Elektroautos nicht anders sein wird. Wenn sich dann noch staatliche Anreize dazugesellen, wird der Fortschritt nicht sehr lange auf sich warten lassen.
Bis dahin gilt es also, abzuwarten und zu schieben ?
Foeteler : nein, natürlich nicht. Der Vorteil von Elektrofahrzeugen ist doch, dass der « Treibstoff » im eigentlichen Sinne längst überall verfügbar ist, nämlich in Form von 230 oder 400 Volt Steckdosen, wie man sie in jedem Haushalt findet. Angesichts der begrenzten Reichweite der heutigen E-Fahrzeuge gilt es, in ausreichendem Maße Möglichkeiten zu schaffen, diese Fahrzeuge aufzuladen, indem auf das bestehende Stromnetz zurückgegriffen wird.
Alle Experten sind sich darin einig, dass die meisten Besitzer der ersten Generation von Elektroautos eine Steckdose zu hause haben werden, weswegen davon ausgegangen wird, dass die Fahrzeuge meistens über Nacht in der eigenen Garage aufgeladen werden.
Leider besitzt aber nicht jeder eine eigene Garage und besonders in der Stadt zeigt das Elektroauto seine grössten Vorteile. Auch gibt es Menschen, die einen längeren Weg zur Arbeit haben und die trotzdem gerne ein umweltfreundlicheres Auto fahren würden. Diesen Leuten gilt es, Zeichen zu setzen, damit sie die Gewissheit haben, ihr Elektroauto überall aufladen zu können.
Also wollen Sie an jeder Tankstelle Steckdosen für Elektroautos installieren ?
Foeteler : Tankstellen wurden im Laufe der letzten Jahrzehnte überall dort eröffnet, wo reger Verkehr herrscht, damit die Autofahrer sie leicht finden und schnell ihren Wagen auftanken können. Obschon viele Tankstellen mittlerweile zu kleinen Supermärkten mutiert sind, sind es dennoch keine Orte, an denen sich die Kunden gerne lange aufhalten. Doch ein Elektroauto lädt sich nun mal nicht so schnell auf, wie man einen Tank mit Treibstoff füllt. Im besten Fall kriegen Sie die Batterie eines Elektroautos innerhalb von 30 Minuten wieder halbwegs aufgeladen ; solange wird aber niemand an der Tankstelle warten wollen.
Deshalb sind klassische Tankstellen nicht der ideale Ort, um Strom zu « tanken ». Stattdessen gilt es, das Fahrzeug dort aufzuladen, wo es ohnehin über einen längeren Zeitraum steht, nämlich auf dem Firmenparkplatz oder im Supermarkt, bzw. überall dort, wo man mit dem Auto hinfährt und es länger als 30 Minuten stehen lässt, also auch im Restaurant, im Schwimmbad oder einfach auf dem Parkplatz in der Innenstadt.
Und Sie bauen diese Tankstellen für Elektroautos ?
Foeteler : Ja und nein. Unsere Technik basiert auf Produkten, die sich im Alltag bereits bewährt haben und die wir zu einer ganzheitlichen Lösung weiterentwickeln.
Wir kaufen also Ladesäulen bei industriellen Herstellern ein und installieren diese auf den Parkplätzen unserer Kunden. Dann werden die Ladesäulen per Funk an ein zentrales System angeschlossen, womit diese per Internet lokalisiert und später auch reserviert werden können.
Damit der Besitzer eines Elektrofahrzeuges, also eines Elektroautos oder eines E-Bikes, sein Gefährt an unseren « Stromtankstellen » aufladen kann, muss er bei uns registriert sein und sich mittels seiner Kundenkarte oder per Handy ganz einfach vor der Ladesäule als Kunde ausweisen. Das dauert ein paar Sekunden und schon öffnet sich die spezielle Steckdose, in welcher das Kabel des Fahrzeuges eingesteckt werden kann.
Am Ende des Monates erhält der Kunde dann eine Rechnung für alle im Vormonat verrichteten Ladevorgänge.
Klingt einfach. Und wo ist das Problem ?
Foeteler : Probleme gibt es in der Anfangsphase schon, doch halten diese sich in Grenzen.
Das größte Hindernis ist sicherlich derzeit die noch zögerliche Nachfrage, die sich mit zunehmender Sichtbarkeit der E-Fahrzeuge aber reduzieren wird.
Dann gibt es noch keinen europaweiten einheitlichen Standard für Ladestecker, doch kann man dieses Problem relativ leicht umgehen, indem man jeweils passende Ladestecker im Kofferraum liegen hat.
Viele Netzbetreiber haben ausserdem die Befürchtung, dass die Stromnetze nicht ausgelegt sind für einen massiven Mehrbedarf an elektrischer Energie, den die zunehmende Anzahl von Elektroautos vielleicht langfristig mit sich bringen wird. Sie sehen gar nationale Interessen bedroht, wenn unseren Städten dereinst der Strom fehlen wird, weil zu viele E-Fahrzeuge an der Steckdose hängen. Persönlich glaube ich nicht, dass es in absehbarer Zeit zu solcherlei Engpässen kommen wird und sollte es doch soweit kommen, dann sind wir in Sachen Umweltschutz einen grossen Schritt weiter, weil sich die Elektromobilität dann durchgesetzt haben wird. Dass bis dahin auch Arbeiten am Stromnetz verrichtet werden, halte ich für selbstverständlich. Diese Entwicklung müssen die Energieversorger und Netzbetreiber im Auge behalten, doch dürfen wir nicht schon vor dem Start auf die Bremse treten.
Als letztes, unmittelbar anschauliches Hindernis könnte man anführen, dass der Besitzer eines Elektrofahrzeuges heute eventuell bei verschiedenen Betreibern von Stromtankstellen Kunde sein muss. Wenn er zum Beispiel in Rheinland-Pfalz lebt und in Luxemburg arbeitet, kommt er heute nicht umhin, sein Auto in seiner Region und auch ab und an in der Nähe seiner Arbeitsstelle oder unterwegs aufzuladen. Ähnlich wie bei den klassischen Tankstellen oder Geldautomaten braucht er also unter Umständen mehrere Lieferanten, bei denen er als Kunde registriert ist.
Ist das nicht irritierend ?
Foeteler : In den früheren Unternehmen, in denen ich beschäftigt war, hatten viele Mitarbeiter zwei Handys : eines für den Job und ein privates. Das ist ungleich umständlicher, als zwei verschiedene Karten fürs « Strom tanken » in seiner Brieftasche herum zu tragen.
So haben Grenzgänger auch meistens zwei Geldkarten dabei und vor nicht allzu langer Zeit war es Usus, im Urlaub zwei verschiedene Währungen im Portemonnaie zu haben.
Mit Technik von gestern auf in die Zukunft ?
Foeteler : Selbstverständlich nicht, doch muss man einer neuen Technik zunächst mal eine gewisse Entwicklungszeit zugestehen. Sie können heute noch nicht mit Ihrer Aral-Kundenkarte bei Shell tanken und obwohl es vielleicht nie der Fall sein wird, hat niemand ein Problem damit.
Beim Thema Elektromobilität sehen manche Leute nur Hindernisse, aber selten die vielen Möglichkeiten, die sich uns bieten. Wenn sich erst mal gewisse Technologien und Geschäftsmodelle durchgesetzt haben, werden schon allein aus kommerziellen Gründen verschiedene Anbieter einheitliche Standards und Prozesse entwickeln ; der Markt wird also vieles von selbst regeln, wobei sicherheitsrelevante Aspekte natürlich nicht unreguliert bleiben dürfen. Im Übrigen arbeiten die einzelnen Anbieter schon an Lösungen, um dem Kunden ein möglichst einfaches Autorisierungs- und Zahlungsverfahren anzubieten, welches ihm auch im Ausland das Aufladen seines Fahrzeuges erlauben wird.
In den nächsten Jahrzehnten wird noch sehr viel passieren ; vielleicht wird sich auch in dreissig Jahren Wasserstoff als wirtschaftliche Alternative für Fahrzeuge entwickeln, obwohl wir heute noch sehr weit davon entfernt sind.
Klingt wie eine halbherzige Aussage.
Foeteler : Warum ? Ich war stets der Meinung, dass man Visionen entwickeln soll, solange man dabei nicht den Boden unter den Füssen verliert. Wir bauen täglich an unserer Zukunft, doch erst die pragmatische Umsetzung neuer Ideen bringt auch messbare Fortschritte. Deswegen halte ich Elektromobilität heute für die beste mittelfristige Alternative zum klassischen, aber umweltschädlichen Verbrennungsmotor : sie ist leise, sauber, preiswert und relativ einfach umzusetzen.
Was ist Ihr Beitrag zur Elektromobilität ?
Foeteler : Ein Unternehmen, welches sich aktiv an der Förderung der Elektromobilität beteiligen will, ohne dabei selbst zu tief in die Materie einsteigen zu müssen, kann Kunden und Mitarbeiter motivieren, sich ein Elektrofahrzeug anzuschaffen und es auf dem Firmenparkplatz zu sehr preiswerten Konditionen schnell und einfach aufzuladen. Dadurch setzt ein moderner Betrieb heute ein eindeutiges und sichtbares Zeichen, dass Umweltschutz in diesem Hause gross geschrieben wird.
Es reicht also, bei Estonteco eine Stromtankstelle zu kaufen oder zu mieten ; den Rest übernehmen wir, d.h. Estonteco liefert und installiert die Anlage und kümmert sich um den reibungslosen Betrieb. Das Unternehmen muss sich nicht um die täglichen kommerziellen Details wie das Identifizieren der Kunden oder das Bezahlen der Ladevorgänge kümmern, denn all das ist Teil der Dienstleistungen von Estonteco. Die Stromtankstelle steht also auf dem Firmenparkplatz als Zeichen einer nachhaltigen Strategie, der Rest ist ausgelagert.
This entry was posted on Mittwoch, November 16th, 2011 at 12:18 and is filed under News. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can leave a response, or trackback from your own site. You can skip to the end and leave a response. Pinging is currently not allowed.
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